Becker

Franziska Becker
Gewalt und Gedächtnis
Erinnerungen an die
nationalsozialistische Verfolgung
einer jüdischen Landgemeinde

Mit einem Vorwort von Hermann Bausinger
Göttinger Beiträge zu Politik und Zeitgeschichte 2
1994, 156 S. · 41 Abb.

 
 


Gewalt und Gedächtnis
Wie ein Volk verdrängt

„Schad’ ums Sach“ antworteten Einwohner des Dorfes Baisingen im Württembergischen, als Sie an die nationalsozialistischen Pogrome erinnert wurden, an die Zerstörung jüdischen Eigentums, an die Versteigerung jüdischer Wertgegenstände, bei denen sie mitgeboten haben, und schließlich an die Vertreibung ihrer jüdischen Besitzer und Nachbarn, an deren Rückkehr niemand glauben mochte.

Abends um 8 oder 9 Uhr sei der Landjäger zu ihm gekommen und habe ihn aufgefordert, am nächsten Morgen um 3 Uhr sein Fuhrwerk vor dem Rathaus bereitzustellen, erinnert sich Herr B.:

„Ich hab’ gefragt, was da gefahren wird. Da sagt er, das kann er nicht verraten. Da hab’ ich gesagt, da wird auch nicht gefahren. Da sind wir beinahe hintereinandergekommen, bis er dann gesagt hat, also die Juden kommen fort, aber auf meine Verantwortung, wenn heut’ nacht einer weggeht oder so, oder einem mitteilen tät’, daß er verschwindet, also da trag’ ich die Verantwortung. Da hab ich gesagt, ja ich übernehm’ das.“

Juni 1945: Harry K. kehrt in Häftlingsuniform aus Theresienstadt nach Baisingen zurück.

„Als ich im Frühjahr 1945 von den Alliierten aus jahrelanger KZ-Haft befreit wurde, stellte sich für mich wie für jeden deutschen Juden die Frage, ob er in einem Land bleiben soll, das ihm so viel Leid zugefügt hatte.“

Harry K., der elf KZs überlebte, entschließt sich zum Bleiben. Sein Erscheinen erst zwingt die nichtjüdischen Dorfbewohner, sich mit Schuld und Mitwisserschaft auseinanderzusetzen: K. fordert seinen Hausrat zurück, den sie einstmals ersteigerten.

„Damit hat niemand gerechnet, hat niemand gewußt.“
„Aber ich glaub’, er kann’s nicht so schlecht gehabt haben im KZ. Ich hab’ ihn selber nicht gefragt, gell, man selber hat ja nicht fragen mögen.“

Was empfanden Menschen vor Ort, als SA-Männer in den Häusern ihrer jüdischen Nachbarn randalierten, als die letzten Juden auf Leiterwagen verladen in die Konzentrationslager deportiert wurden? Wie modelliert das Gedächtnis fatale Ereignisse, wie sehen solche Verbiegungen, Verdrehungen und Verdrängungen aus und wie können sie interpretiert und verstanden werden, ohne sie einfach als Unwahrheiten abzutun?
Diesen Fragen versucht die Autorin in dem vorliegenden Band nachzugehen. Denn: Kommen uns die Bewohner Baisingens nicht allzu bekannt vor?

„Einmal müsse Schluß sein mit diesem peinlichen Bohren in der Vergangenheit, heißt es, Schluß mit dem selbstquälerischen Rückblick, dem Fragen nach Schuld und Schuldigen. Franziska Becker schreibt an gegen diese Meinung, sie zeigt, daß über manche Dinge kein Gras wachsen kann und kein Gras wachsen darf. Und sie will erklären, warum und wie doch immer wieder versucht wird, das Vergangene zu verdrängen … wie die Menschen mit ihrer Befangenheit umgehen, wie die Befunde scheinbar versachlicht und ,gefühlsbereinigte Fassungen‘ vorgetragen werden, wie entschuldigende Argumente in den Vordergrund geschoben werden und die Schuld nur noch deutlicher machen, und wie in diesen Entschuldigungen die alten Klischeevorstellungen über d i e Juden fortleben.“
Prof. Dr. Hermann Bausinger, Tübingen

„,Schad’ ums Sach‘ meinen die Interviewten noch heute, wenn sie über die ,Reichskristallnacht‘ sprechen und bedauern, daß so viel brauchbares Gut zerstört wurde. Die Unversehrtheit der Dinge im kleinbäuerlichen Alltag war immer von größerer Bedeutung als das Wohl der Menschen; Leid bedeutete hier vor allem zugefügten Schaden am Eigentum. ... Franziska Becker gelingt eine detaillierte Interpretation von Entlastungs- und Entschuldigungsstrategien, mit der sie auch die Wiederkehr antisemitischer Äußerungen offenlegen kann.“
Cornelia Brink, Geschichtswerkstatt

Dieser Band ist nicht mehr lieferbar. Eine Neuauflage im E-Book-Format ist wegen wiederholter Anfragen nicht ausgeschlossen. Sie können sich vormerken lassen.

 

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