Marion Kothe
Innerdörfliche Integration
Zur Bedeutung von Ehe und Vereinsleben
auf dem Lande

Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen 9
1995, 132 S. · Pb. € 14,00
ISBN 978-3-926920-17-1

 
 


Innerdörfliche Integration
Zur sozialen Kontrolle in dörflichen Gemeinschaften

Die Strukturen ländlicher Regionen haben sich in den letzten 100 Jahren wesentlich verändert. Die Industria­lisierung hatte eine Umwäl­zung der ökono­mischen, sozialen und kultu­rellen Verhält­nisse zur Folge. Diese Wand­lungs­prozesse wirkten sich auch auf das festge­fügte Ordnungs­system des alten Dorfes aus und auf das Zusam­men­leben seiner Bewohner.

Traditionelle Nach­barschafts­bindungen büßten ursprüng­liche Funk­tionen ein, Vereine über­nahmen hier soziale und kulturelle Aufgaben und damit eine führende Rolle für das dörfliche Gemein­schafts­leben. Sie entwickel­ten sich zudem zu einer wichtigen Instanz für die inner­dörfliche Inte­gration. Insbe­sondere für junge Ehepaare, die sich nach der Heirat erst neu orien­tieren müssen, erweisen sich die Vereine heute als ein wichtiger Faktor zur Einord­nung in die länd­liche Gesell­schaft.

Auf der Grundlage quali­tativer Inter­views mit jung verheira­teten Paaren in einer länd­lichen Region wird dieser Etablie­rungs­prozess heraus­gearbeitet. Kriterien für die inner­dörfliche Inte­gration sind – neben der Einglie­derung des Paares in die örtlichen Vereine – ihre Einbin­dung in Freundes­kreise sowie Nach­bar­schafts- und Verwand­ten­kontakte.

„Der Übergang zu den richtigen Schützen ist mit einer normalen Heirat. Ob ich mit 16 heirate oder mit 45, das spielt keine Rolle, [...] ich bin mit vier Leuten letztes Jahr bei den Jungschützen ausgetreten. Da paßt die Altersgruppe nicht mehr. [...] Wir haben uns ein bisschen lächerlich gemacht, glaub’ ich, in unserem Alter. Hier im Dorf ist das meist noch so, dann wird nicht mit dem Zeigefinger [gezeigt], aber guck mal die, immer noch bei denen.“

Zum Vergleich wurden auch Inter­views mit unver­heiratet zusam­men­lebenden Paaren auf dem Dorf geführt. In den letzten Jahren ist – vor allem in der Stadt – die Bereit­schaft gestiegen, Ehen ohne Trau­schein zu akzep­tieren. Unter­sucht wird, ob Paare, die nicht verhei­ratet sind und zusammen­leben, anders in die Dorf­gemein­schaft aufge­nommen werden, und ob sie sich selbst anders inte­grieren als Ehepaare.

Diese Arbeit, der zehn Inter­views mit verhei­rateten und unver­heiratet zu­sam­men­lebenden Paaren aus einer länd­lichen Region Nieder­sachsens zugrunde liegen, befasst sich mit der Inte­gration junger Paare in die Dorf­gemein­schaft. Mit der Heirat, mitunter auch schon nach der Verlo­bung, beginnt ein Nieder­lassungs­prozess, in dessen Verlauf sich Frauen und Männer in die länd­liche Alltags­welt einzu­ordnen versuchen.

Eine wichtige Rolle spielen die örtlichen Vereine mit ihren Bräuchen und Riten, aber auch private Clubs und nach­bar­schaft­liche Bin­dungen. Häufig ist die Inte­gration davon abhängig, ob ein Paar bereit ist, sich in das dörfliche Werte- und Normen­gefüge einzu­gliedern.
Doch wie entstehen solche Regeln, und wer muss sich ihnen fügen?