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Sigrid Fährmann
Öffentliche Bedürfnisanstalten
Zur Durchsetzung
bürgerlicher Reinlichkeitsvorstellungen

Beiträge zur Volkskunde in Niedersachsen 17
2000, 161 Seiten · 14 Abb. · Pb. € 17,00
ISBN 978-3-926920-28-7

 
 


Öffentliche Bedürfnisanstalten
Als die Gosse noch Latrine war: Hygiene im 19. Jahrhundert

Die üblichen Reaktionen auf eine Beschäf­tigung mit der Geschichte öffent­licher Bedürfnis­anstalten reichen von Gelächter bis Ungläu­bigkeit. Persön­liche Erfah­rungen und Soziali­sationen bestimmen den vorwiegend emotionalen Umgang mit dem Thema, Scham­gefühle und Über­schreitun­gen sittlicher Grenzen äußern sich häufig in Komik. Offenbar fehlt ein passendes Vokabular. Dabei soll nicht ver­schwie­gen werden, dass wissen­schaftliche Distanz ebenso Ausdruck einer Scham­grenze im Umgang mit tabui­sierten körper­lichen Ausschei­dungen sein kann.

Wenngleich sich die Geschichte öffent­licher Bedürfnis­anstalten bis in die Antike zurück­verfolgen lässt – nämlich bis zum römischen Kaiser Vespasian, nach dem noch heute in Frank­reich bestimmte Pissoirs benannt sind (vespasienne) – wurde der Ruf nach größerer Hygiene bei den täglichen, überwiegend öffentlichen persön­lichen Verrich­tungen erst Ende des 18. Jahr­hunderts zuneh­mend lauter:

„Es ist eben so unanständig als ekelhaft, und trägt nicht wenig dazu bey, die Masse der schädlichen Ausdüns­tungen zu vermehren und die Luft zu verderben, wenn alle Winkel der Straßen mit den Auslee­rungen der Vorüber­gehen­den besudelt werden. Die Policei ist befugt, dieses zu verbieten. Doch ist es in sehr großen Städten fast nothwendig, an schick­lichen Orten und in gehörigen Entfer­nungen öffentliche Abtritte anzulegen.“

Diese historisch-archivalische Lokalstudie zur Geschichte öffent­licher Bedürfnis­anstalten in Göttingen und Hannover zwischen 1850 und 1920 zeigt – im Gegen­satz zu den bisher üblichen, eher populären Arbeiten über körper­liche Ausschei­dungen – veränderte Sozial­normen und Scham­grenzen der bürgerlich dominierten Gesell­schaft des 19. Jahr­hunderts auf und als Ergebnis dieser Entwick­lung unter anderem die Etablierung öffent­licher Pissoirs und Aborte mit den damit einher­gehenden Ver­haltens­ände­rungen.