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Talar und Tränengas
Pastoren zwischen Glauben und Politik
Dokumentation eines Amtszuchtverfahrens
aus dem Jahre 1975
in der ev.-luth. Landeskirche Hannovers

Hrsg. v. Hartwig Hohnsbein
und Klaus Rauterberg †
2011, 120 Seiten · zahlr. Abb. · Pb. € 12,00
ISBN 978-3-926920-47-8

 
 


Wie politisch darf Kirche sein?
Eine Auseinandersetzung aus dem Jahr 1975

Juni 1969: eine ganze Stadt geht auf die Barrikaden, „gegen ungerechte Tarife und ein mangel­haftes Nah­verkehrs­an­gebot“. Hannover organisiert eine „beispiel­lose Selbsthilfe unter dem Zeichen des Roten Punkts“ und mit dem Resultat, dass „als Ergebnis des erfolg­reichen Bürger­protests … die Basis für ein einheit­liches und gerechtes Tarifsystem“ geschaffen wird. So ist es noch heute in der Chronik der Hanno­ver­schen Verkehrs­betriebe (Üstra) nachzulesen.

Hohnsbein S.38Sechs Jahre später, im April 1975, langt die inzwischen kommu­nalisierte Üstra kräftig zu, erhöht die Fahr­preise drastisch um bis zu 150 Prozent. Tausende sind wieder auf der Straße, der „Rote Punkt“ lebt wieder auf. Fünfzig beteiligte Organisa­tionen, an ihrer Spitze der bundes­weit bekannte Kabarettist Dietrich Kittner, treffen auf Polizisten, die „stoßen und draufhauen“, derweil „ver­spritzen andere aus der zweiten Reihe Tränengas in die einge­keilte Menge, sorglos, als sei die von Demon­stranten und Beamten so genannte ,Chemie-Keule‘ nur eine Wasser­pistole“ (DER SPIEGEL). Die Ausein­ander­setzun­gen eskalieren.

Da stellen sich am 7. April zwei Kirchen­männer – die Pastoren Hartwig Hohnsbein und Klaus Rauter­berg – im vollen Ornat an die Spitze des Demon­stra­tions­zuges. Ihre Absicht: „Deutlich zum Aus­druck zu bringen, dass diese Demons­tration ohne Anwen­dung irgend­welcher Gewalt­taten verlaufen soll.“ Denn: „Als Pastoren einer Kirche, die für Gewalt­losig­keit eintritt, sollten wir zur Stelle sein, wenn Zwischen­fälle und Aus­schrei­tungen drohen.“ Der Fall schlägt hohe Wellen.

Nicht jeder findet ihr Verhal­ten gut. Kirchen­vor­stände distan­zieren sich, der Landes­super­inten­dent rügt den Eindruck, „als ob die Kirche auf der Seite derer stehe, die die Forde­rung der Rot-Punkt-Aktion durch­setzen wollten. Dies sei jedoch nicht der Fall.“ Die Landes­kirche leitet ein „Amts­zucht­ver­fahren“ ein – gegen Pastoren, die sich zum Miss­fallen ihrer Amts­kirche nicht das erstemal politisch hervor­getan haben. Monate einer zähen Ausein­ander­setzung folgen.

Auf 86 Seiten haben die Heraus­geber – zugleich Beteiligte – die dama­ligen Ereig­nisse anhand von Original-Doku­menten nachge­zeichnet. Ein zweiter Teil zeigt ergänzend den geschicht­lichen Hinter­grund auf, macht den schwer auflös­baren Konflikt zwischen Amts­kirche und Pastoren deutlich, nämlich dass hier „völlig verschie­dene Auffas­sungen gegen­ein­ander­stehen“, so Landes­bischof Hans Lilje in einem Ge­sprächs­proto­koll vom Mai 1968. Es sind verschie­dene Auffas­sun­gen darüber, wie weit sich Kirche politisch ein­mischen darf und auch muss.